Bentley will erstmals bei einem legendären Bergrennen in Colorado (USA) mit synthetischem Biosprit den Sieg einfahren. Dabei geht es der britischen Luxusmarke nicht nur um ein spektakuläres Event, sondern um einen weiteren Schritt auf dem Weg zur Klimaneutralität der Marke. Auch Bio-Sprit für die werkseigenen Lkw und Transporter ist Teil dieser Strategie. Ein Blick auf die Lage.

19,99 Kilometer, 156 Kurven und Kehren, 1400 Höhenmeter: Das Rennen hinauf zum Pikes Peak in den amerikanischen Rocky Mountains zählt zu den Motorsportevents, die weltweit ohne Vergleich sind. Ende Juni wird dieses „Race to the Clouds“ zum 99. mal ausgetragen, und Luxushersteller Bentley will den Pikes Peak dieses Jahr mit einem klimaneutralen biospritbetankten GT3-Rennwagen erstürmen. Den „Bentley Boys“ hätte diese Idee sicher gefallen.

Die Bentley Boys, eine ehemalige Gruppe wohlhabender britischer Automobilisten, die in den 1920er Jahren mit Bentley-Sportwagen einige vielbeachtete Siege errangen. Sie waren mit fahrerischem Können, finanziellem Einsatz und Freude am technischen Fortschritt Wegbereiter für den Marken-Ruhm. Tim Birkin, einer der Bentley Boys, ging sogar so weit, dass er in Eigeninitiative einen Bentley 4 ½ Litre mit einem Roots-Gebläse und weiteren Modifikationen aufrüstete und so zum idealen Langstrecken-Rennwagen der späten 1920er Jahre umbaute. Der Bentley Blower war geboren, bis heute ist er eine Legende und gehört so fest zum Markenkern der Britischen brand wie das geflügelte B.

Rennwagen sind immer noch Teil von Bentley. Mit dem Continental GT fährt der Luxushersteller erfolgreich in der internationalen GT3-Klasse. Dort kämpft er mit den Rivalen von BMW, aber auch gegen die Konzern-Schwestermarken Lamborghini und Porsche. Nun hat Bentley den Continental GT3 zu Höherem berufen. Der Rennwagen soll ein wichtiger Baustein im Nachhaltigkeitsprogramm „Beyond100“ sein.

Technikbessesene Vorreiter: die „Bentley Boys“ Bernard Rubin, Woolf Barnato, Sir Henry Birkin, Fran Clement und Joseph Dudley Benjafield (v.l.)1928 in Le Mans – (© Bentley)

Biosprit im Rennwagen und im Logistik-Lkw

Dahinter verbirgt sich der Anspruch von Bentley, bis 2030 eine vollständig klimaneutrale Marke für Luxusfahrzeuge zu werden. Das britische Traditionsunternehmen nimmt dazu alle Details ins Visier, auch die Kraftstoffe, mit denen Rennwagen bei Rekordfahrten und die Lkw der Werkslogistik unterwegs sind. Beim Race to the Clouds am 27. Juni 2021 wird der Bentley Continental GT3 also mit synthetischem, biobasierten Rennsprit am Start stehen, während zu Hause in Großbritannien die Logistik-Lkw und Transporter mit HVO-Kraftstoff (engl.: hydrogenated vegetable oils; Kraftstoff aus hydrierten Pflanzenöle) weitgehend klimaneutral und nachhaltig fahren. Zwei erste kleine, aber wichtige Bausteine im umfassenden Transformationsprogramm von Bentley.

Nächster Schritt: E-Fuel mit Windkraftenergie

Unterstützung für die Rekordfahrt am Pikes Peak kommt von der Schwestermarke Porsche. Der schwäbische Sportwagenhersteller hat mit seinem Spitzen-Markenpokal, dem Porsche Mobil 1 Supercup, schon in diesem Jahr einen klimafreundlichen Weg eingeschlagen. Der Kraftstoff für die Porsche 911 GT3 Cup mit 517 PS starkem Vierliter-Sechszylinder-Boxer im Heck besteht hauptsächlich aus biobasierten, synthetischen Rohstoffen. In diesem ersten Schritt kommen 2021 Benzingemische basierend auf organischen Abfällen zum Einsatz. Für 2022 plant Porsche dann den Umstieg auf E-Fuels.

Dafür arbeitet Porsche mit seinem Partner ExxonMobil zusammen. In Chile wird in einer Anlage mittels Windkraft aus Wasser Wasserstoff gewonnen, der zusammen mit dem CO2 aus der Luft in Sprit verwandelt wird. Die CO2-Emissionen sollen so um 85 Prozent sinken. Pro Jahr könnten im ersten Schritt 130.000 Liter dieses chemisch erzeugten Kraftstoffs hergestellt werden. „Durch die Zusammenarbeit mit ExxonMobil können wir die E-Fuels unter anspruchsvollen Bedingungen auf der Rennstrecke testen. Damit machen wir einen weiteren Schritt auf dem Weg zu einem marktfähigen und CO2-reduzierten E-Fuel, der herkömmliche Kraftstoffe ersetzen kann“, sagt Michael Steiner, Porsche-Vorstand für Forschung und Entwicklung.

Rekordfahrt mit 85 Prozent weniger Emissionen

Auch Bentley setzt für die Erstürmung des Pikes Peak den Biosprit des Porsche Supercup ein und will in diesem Jahr den Gesamtsieg beim Bergrennen in der Klasse Time Attack holen, deren Rennwagen auf Serienmodellen basieren. Das nun vorgestellte Auto wirkt mit seinem großen Heckflügel und einem massiven Frontsplitter geradezu brachial, die Ähnlichkeiten zum Serien-Continental sind aber immer noch offensichtlich.

Die radikalen Umbauten an der Karosserie zielen darauf, in der dünnen Höhenluft des steilen Kurses im amerikanischen Bundesstaat Colorado möglichst viel Abtrieb zu erzeugen. Das interessanteste Feature des neuen Modells liegt aber sicher unter dem verspoilerten Carbonkleid, es ist der bekannte Bentley-Vierliter-V8. Seine Hard- und Software wurden von den Ingenieuren im Detail an den Biokraftstoff angepasst. Nach Werksangaben produziert der Rennökosprit im Vergleich zu konventionellen Kraftstoffen 85 Prozent weniger klimaschädliche Emissionen.

 

Das Bergrennen als Testfahrt für E-Fuels-Kunden

Gefahren wird der Continental GT3 von Rhys Millen aus Neuseeland, Spross einer legendären Rennfahrerfamilie. Er saß bereits bei den vergangenen beiden Ausgaben des Rennens für Bentley am Steuer. 2018 hatte Millen im Bentayga W12 den Streckenrekord für serienmäßige SUV aufgestellt, 2019 in der Straßenversion des Continental GT den Rekord für Produktionswagen. 2020 fiel das Rennen coronabedingt aus.

„Wir freuen uns, zum dritten Mal zum Pikes Peak zurückzukehren – jetzt mit erneuerbarem Kraftstoff als Startprojekt für ein weiteres Element unseres Beyond 100-Programms.“

Die Bentley-Ingenieure sammeln so wertvolle Erfahrungen für die spätere Nutzung von Biokraftstoffen und auch E-Fuels durch die Kunden. Millen: „Der Continental GT3 Pikes Peak wird zeigen, dass weitgehend klimaneutrale Kraftstoffe eine verantwortungsvolle Fortführung des Motorsports ermöglichen, und hoffentlich den dritten und letzten Rekord in unserer Dreifach-Krone einfahren.“

HVO, ein Premium-Kraftstoff aus Bioresten

Aber nicht nur auf der Rennstrecke bewegt sich viel: Gleichzeitig stellt Bentley gerade in seinem Werk in Crewe, südlich von Manchester, den internen Logistikverkehr auf klimafreundlichen Diesel um. Bentley Motors will die erste Luxusautomobilmarke sein, die ihren Warenverkehr im Werk mit 100 Prozent erneuerbaren Kraftstoffen betreibt. Der erste Schritt dafür ist die Installation einer Anlage zur Betankung mit hydriertem Pflanzenöl (HVO) am Standort in Crewe.

Ein 34.000 Liter fassender Green D+ HVO-Tank versorgt die zehn Lkw, die täglich Teile zwischen dem Bentley-Standort in Crewe und dem Lager in Winsford transportieren, sowie über 20 kleinere Transportfahrzeuge und Lieferwagen vor Ort. D+ HVO-Kraftstoff ist ein Premium-Biodiesel der zweiten Generation, der aus erneuerbaren und nachhaltigen Quellen wie Abfallfetten, Gemüse und Ölen hergestellt wird. Im Vergleich zu konventionellem Diesel, werden durch die Umstellung die CO2-Emissionen aus dem Auspuff von Logistikfahrzeugen um über 86 Prozent gesenkt, Stickoxide gehen um bis zu 30 Prozent und Feinstaub um bis zu 80 Prozent zurück.

Green D+ HVO kann in den bestehenden Fahrzeugen von Bentley eingesetzt werden, ohne dass zusätzliche Modifikationen, Servicearbeiten oder Änderungen der Betriebsabläufe erforderlich sind – eine schnelle und effektive Möglichkeit, die Emissionen der bestehenden Flotte zu reduzieren und gleichzeitig die Luftqualität am Standort zu verbessern. Bentley schätzt, dass für die lokalen Fahrzeugbewegungen ab sofort pro Monat rund 10.000 Liter konventioneller Diesel durch Biokraftstoff ersetzt wird.

Mit den als “Green Biofuels” betitelten HVO-Kraftstoffen will Bentley langfristig die CO2-Emissionen senken. Ein Teil der Bentley-LKW Flotte wird bereits mit dem grünen D+ HVO-Kraftstoff betankt – (© Bentley)

HVO im Diesel gibt es bereits an der Tankstelle

Peter Bosch, Vorstand für die Fertigung bei Bentley Motors, erläutert, dass die Installation der neuen HVO-Kraftstoffanlagen die erste an einem Automobilstandort dieser Größe ist. Sie ergänze die bestehende Bentley-Strategie der Erzeugung von Ökostrom per Solar-Photovoltaik perfekt. Der Aufbau der HVO-Anlage sei auch ein großartiges Beispiel dafür, wie eine bestehende Flotte und Infrastruktur in kürzester Zeit klimafreundlicher ausgerichtet werden könne. Agil und schnell eine bestehende Technik zu verbessern – eine Maßnahme ganz im Geiste der Bentley-Boys.

HVO ist übrigens nicht nur im Logistikverkehr bei Bentley im Einsatz. In Berlin wird es, konventionellem Diesel beigemischt, unter dem Markennamen Diesel protect25 auch an Sprint und Go-Tankstellen angeboten. Wer Diesel protect25 tankt, spart mindestens 25 Prozent CO2-Emissionen gegenüber dem herkömmlichen, fossilen Dieselkraftstoff ein. Im Interview erläutert Volker Kretschmer, Geschäftsführer Sprint Tank GmbH, den Modellversuch (siehe unten).

HVO im Laster, synthetischer Kraftstoff im Renn-Bentley: Die britische Luxusmarke setzt beim Thema Klimaschutz nicht nur auf eine einzige Lösung, sondern experimentiert unter reellen Bedingungen technologieoffen mit unterschiedlichen Kraftstoffen der Zukunft. Ganz egal, wer am Ende am 27. Juni 2021 den Sieg am Pikes Peak einfährt – ein Gewinn für weniger Emissionen und mehr Klimafreundlichkeit sind die 156 Kurven bis zum Ziel auf jeden Fall.

„Mehr Laufruhe, geringerer Verbrauch und mindestens 25 Prozent CO2-Einsparung“

Technische und ökologische Vorteile überzeugen die Kunden: Volker Kretschmer, Geschäftsführer der Sprint Tank GmbH, über den Berliner Modellversuch HVO-Diesels protect25. 

Bei der Einführung von E10 gab es viele Vorbehalte gegenüber dem Kraftstoff. Haben Sie Ähnliches rund um den HVO-Diesel protect25 beobachtet?

Zunächst muss man sagen, dass die Einführung von E10 eher ein Kommunikationsproblem war. Die möglichen Auswirkungen auf die Fahrzeugtechnik waren im normalen Lebenszyklus eines Pkw kaum zu erreichen. Doch Kunden haben das leider dennoch als potenzielle Gefahr für ihr Fahrzeug wahrgenommen. Mittlerweile ist die Akzeptanz aber höher – und wir können sagen, dass uns bis heute kein Fahrzeug bekannt ist, bei dem ein Defekt oder Schaden auf E10-Kraftstoff zurückzuführen wäre, der bei uns getankt wurde.

Heißt das, der HVO-Diesel protect25 kommt bei Kunden gut an?

Ja, eine mit E10 vergleichbare Zurückhaltung der Kunden konnten wir bei unserem neuen Diesel protect25 nicht beobachten. Zum einen sind Premium-Kraftstoffe mittlerweile branchenüblich und beim Kunden bereits etabliert. Zum anderen haben wir die Sicherheit von protect25 für alle Dieselmotoren auch in der Kundenkommunikation in den Vordergrund gerückt – neben den umweltschonenden Vorteilen. Man kann aber durchaus sagen, dass wir hier aus der E10-Einführung gelernt haben.

Wie haben Sie die Vorteile von protect25 für den Kunden herausgearbeitet?

Wir haben erstmal beim Handelsnamen angefangen. Natürlich hat das Produkt auch einige technische Vorteile, die etwa zu mehr Laufruhe und geringeren Verbrauch führen. Der Umweltschutz und die Einsparung von mindestens 25 Prozent CO2 gegenüber herkömmlichem, fossilem Dieselkraftstoff sollte aber im Mittelpunkt stehen – dafür haben wir Diesel protect25 schließlich auch gezielt mit unserer Muttergesellschaft entwickelt. Somit haben wir uns für die Bezeichnung „Diesel protect25“ entschieden. „Protect“ für den Umweltschutz, „25“ für die besagten 25 Prozent CO2-Einsparung.

Darüber hinaus haben wir sämtliche Produktvorteile an zahlreichen Touchpoints für den Kunden gut sichtbar kommuniziert. Von Plakaten in der Einfahrt über Flyer an den Zapfsäulen bis zu sogenannten Kundenstoppern an der Produktkennzeichnung. Natürlich begleitet durch weiterführende Informationen auf unserer Webseite www.go-sprint.de.

Wie liegt der neue Kraftstoff preislich im Vergleich zu konventionellem Diesel?

Das hängt immer etwas vom aktuellen Preisniveau ab, bewegt sich aber maximal 10 Cent pro Liter über dem Preis von herkömmlichem Diesel.

Wie lange hat es von der ersten Idee zu Diesel protect25 bis zum ersten getankten Liter gedauert?

Etwa drei bis vier Monate, wir mussten teilweise auch erstmal Tanks für das Produkt freimachen. Die Produktentwicklung im Vorfeld, gemeinsam mit den Zulieferern, hat aber mehrere Jahre in Anspruch genommen. Die Qualität und die Sicherheit des Kraftstoffs hatten dabei immer höchste Priorität.

Diesel protect25 von Sprint

Der neue HVO-Kraftstoff Diesel protect25 ist bereits an einigen Sprint-Tankstellen in Berlin verfügbar. Bald soll die Verfügbarkeit auf weitere Standorte ausgerollt werden.

Aktuell ist Diesel protect25 an ausgewählten Tankstellen in Berlin verfügbar, denken Sie daran, das Angebot auszuweiten?

Mittlerweile kann man Diesel protect25 bereits an sechs Tankstellen im Raum Berlin erhalten – und wir planen aktuell den Rollout auf weitere Standorte.

Und wie sind die Reaktionen der Kunden auf Ihren neuen Kraftstoff?

Sehr positiv. Die Absätze liegen sogar recht deutlich über unseren Erwartungen, variieren aber auch von Standort zu Standort etwas. Nach ersten Kundenbefragungen teilt sich das Feld bei der Frage nach der Kaufentscheidung recht ausgeglichen in Kunden, die die Nachhaltigkeit begrüßen, und in jene, die die technischen Vorteile im Sinne eines Premium-Kraftstoffs favorisieren. Beide Argumente bringen wir auch mit dem Produkt-Claim auf den Punkt: „Gut für den Motor. Besser für die Umwelt.“

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