Welche Auswirkung hat der Krieg in der Ukraine auf die kurz- und mittelfristige Energieversorgung? Fragen an Dr. Hans Wenck, Geschäftsführer des Aussenhandelsverbands für Mineralöl und Energie e.V (AFM+E)

eFUEL-TODAY: Herr Wenck, im  Osten tobt der Krieg. Was bedeutet das für die private Energieversorgung?

Dr. Hans Wenck: Derzeit ist es noch fraglich, inwieweit durch den Krieg in der Ukraine die Importe von Erdöl und Erdgas sowie Ölprodukten aus Russland beeinträchtigt werden. Sollten Lieferungen von Mineralölprodukten ausgesetzt werden, so werden die Preise für diese Produkte auf Grund des knapperen Angebots ansteigen. Gleiches gilt ebenfalls, wenn Verbraucher und Abnehmer Importe aus Russland aus moralischen Gründen ablehnen und daher die verfügbaren Mengen zurückgehen.

Müssen Verbraucher mit steigenden Preisen rechnen?

Bei weltweit gehandelten Produkten wie Öl und Gas wird der Preisanstieg nicht auf Deutschland begrenzt sein, sondern dieser Effekt wird globale Auswirkungen haben. Eine Weisheit im Handel besagt, dass Öl stets in das Land mit dem höchsten Preis fließt – das heißt die Produkte werden bevorzugt dort verkauft, wo der höchste Preis erzielt wird. Entsprechend würde eine Verknappung zunächst in den Ländern auftreten, wo die Produktendpreise niedrig sind. Deutschland zählt nicht als preisgünstiger Markt.

“Unsere mittelständischen Mineralölhändler ist bei der Energieversorgung Verlass”

Welche Energieprodukte werden aus Russland importiert?

Neben russischem Erdöl und Erdgas importiert Deutschland ebenfalls fertige Ölprodukte, die zumeist auf dem Seeweg direkt nach Deutschland oder über niederländische Häfen nach Deutschland gelangen. Insbesondere handelt es sich dabei um Dieselkraftstoff und weniger um Heizöl. Zusammen beträgt die Einfuhr etwa 8-10 Millionen Tonnen pro Jahr. Der Preis wird durch das Verhältnis von Angebot und Nachfrage bestimmt. Durch die kriegerische Auseinandersetzung ist das Angebot bereits jetzt geringer, da viele Marktteilnehmer aus Solidarität nicht mehr in Russland kaufen, beziehungsweise Abnehmer auf nicht-russischen Ursprung bestehen.

Dr. Hans Wenck, Geschäftsführer des Aussenhandelsverbands für Mineralöl und Energie e.V (AFM+E)

Gilt das auch fürs Heizöl?

Hans Wenck: In Deutschland wird die Nachfrage nach Heizöl saisonal bedingt bald zurückgehen, da die kalten Wintermonate bereits hinter uns liegen, jedoch spiegelt sich dieser Effekt in der momentanen Preisentwicklung noch nicht wider. Generell ist der Heizölmarkt jedoch weniger stark durch Importe aus Russland beeinflusst.

Müssen Verbraucher bereits jetzt Heizöl bunkern?

Ein Rückgang von Heizölimporten aus Russland kann zum Teil durch eine höhere Produktion in deutschen Raffinerien aufgefangen werden, oder aber durch Importe aus anderen Ländern wie etwa Indien ausgeglichen werden. Sollte all dies nicht ausreichen, könnten die strategischen Lagerbestände von Heizöl, die für Krisenzeiten angelegt wurden, freigegeben werden, um Versorgungsengpässen entgegenzuwirken. Die Verbraucher sollten bei Bedarf die Heizöltanks moderat befüllen und nicht anfangen, Heizöl zu hamstern. Hierfür besteht keine Veranlassung.

“Ein Rückgang von Heizölimporten aus Russland kann zum Teil durch eine höhere Produktion in deutschen Raffinerien aufgefangen werden oder aber durch Importe aus anderen Ländern wie etwa Indien ausgeglichen werden”

Wird Heizöl jetzt trotzdem teurer?

Die Preise sind momentan auf recht hohem Niveau, da der Rohölpreis bereits seit Frühjahr letzten Jahres stetig gestiegen ist. Der Ölpreis liegt derzeit rund 80% höher als vor einem Jahr! Dies ist nicht auf die Ukrainekrise zurückzuführen, lediglich der kürzlich beobachtete sprunghafte Preisanstieg war in der Unsicherheit im Markt begründet. Verbraucher sollten trotz der zugegebenermaßen sehr beunruhigenden Situation Ruhe bewahren. Der Markt wird sich mittelfristig wieder beruhigen. Auf die mittelständischen Mineralölhändler ist seit jeher Verlass – sie sorgen auch in Zukunft dafür, dass sich die Verbraucher bei der Energieversorgung auf sie bauen können.

Höhere Versorgungssicherheit durch E-Fuels

Die aktuelle Situation sowohl an den Zapfsäulen als auch geopolitisch beweist: Bei der Versorgung mit Energie – also auch mit flüssigen Energieträgern – muss auf Vielfalt geachtet werden: Wir brauchen verschiedene Energieträger und verschiedene Energielieferanten. Dabei eignen sich synthetisch erzeugte Kraft- und Brennstoffe (sog. E-Fuels) hervorragend, um diese Unabhängigkeit herzustellen! E-Fuels können viel Energie aufnehmen (hohe „Energiedichte“), sind leicht transportierbar, die Infrastruktur dafür ist vorhanden, man kann sie jetzt schon verwenden und muss nicht die gesamte Antriebstechnik ändern, sondern kann sie beimischen und in bereits produzierten Bestandsfahrzeugen verwenden. So wird Mobilität mit Hilfe der E-Fuels nach und nach grüner.

Mehr Informationen zum Potential der E-Fuels in der Versorgungssicherheit

Kommentar abgeben