Das Wummern des Zweizylinders, das Poltern des Singles und das hohe Singen vom Vierzylinder: Das charakteristische Motorengeräusch gehört zu einer Motorradausfahrt wie der Fahrtwind im Gesicht. Ducati und KTM setzen daher auch in Zukunft auf Verbrenner neben Elektromotoren – und engagieren sich für die Nutzung von E-Fuels in ihren Maschinen.

Musik geht ohne Umwege ins Herz. Und die Musik eines Motorrads ist sein Klang. Biker wollen auf ihrem Motorrad eine schöne Zeit genießen, die Umwelt mit allen Sinnen wahrnehmen und die Lebensäußerungen ihrer Maschine spüren und hören: den Sound eines hochdrehenden Vierzylinders oder das Blubbern eines V2. Die Motoren sind Teil der Leidenschaft. Stundenlang können sich Fans über die orchestralen Klangwogen unterhalten, die, je nach Gasstellung, den Endrohren entweichen. Kein Wunder also, dass sich am lautlosen Elektroantrieb unter Motorrad-Enthusiasten die Geister scheiden und viele Hoffnungen auf E-Fuels ruhen. Doch wie stehen die Hersteller dazu? Wie wichtig sind ihnen Motorklang und Verbrennertechnik?

KTM aus Mattighofen im oberösterreichischen Innviertel baut klanglich Orchester auf zwei Rädern. Die Duke gibt seit mehreren Generationen den behänden Paukisten, die große Schwester Super Duke und die Adventure intonieren ein aufwendiges Klangerlebnis auf zwei Töpfen, und im Zubehör lassen sich diverse Klangverstärker in Form von Sportauspuffanlagen finden. Die Fans lieben es. Dennoch gehört die Pierer Mobility AG, Europas führender „Powered Two-Wheeler“-Hersteller (PTW) und Mutterkonzern von KTM, auch zu den Pionieren des elektrifizierten Kraftrads.

Zuschussgeschäft E-Mobilität

Seit 2014 hat die Gruppe eine umfassende Kompetenz in der Entwicklung und Herstellung von elektrisch angetriebenen Fahrzeugen über das gesamte Markenportfolio aufgebaut. Darin findet sich beispielsweise die KTM Freeride-E. Typisch für KTM war sie seinerzeit technisch sehr fortschrittlich, allerdings auch ziemlich teuer. So blieb das Elektro-Motorbike hinter den erwarteten Stückzahlen zurück, wirtschaftlich ein Zuschussgeschäft. Wesentlich mehr Erfolg hatten die E-Mini-Modelle, kleine Enduros für Kinder und natürlich die breite E-Bike-Palette. Im Bereich der innerstädtischen Mobilität halten jetzt E-Roller Einzug, der Anteil an elektrischen Modellen liegt hier bei etwa 15 Prozent.

Bei den Einsteiger-Motorrädern bis 15 PS sind es derzeit rund fünf Prozent. Doch bei KTM geht man davon aus, dass dieser Anteil in den nächsten zehn Jahren auf 50 Prozent steigen wird. Ein Blick auf diese Zahlen und Prognosen legen den Schluss nahe, dass der Abschied von Motorrädern mit Verbrennungsmotoren bei KTM beschlossene Sache ist. Aber dem ist nicht so.

KTM bekennt sich zum V2-Motor

Stefan Pierer, CEO der Pierer Mobility AG, setzt keineswegs komplett auf E-Mobilität. In einem Interview mit dem Motorrad-Magazin „1000.PS“ erklärt er, dass man bei solchen Entwicklungen nicht einfach die Naturwissenschaft und den Realismus über Bord werfen könne. Starke E-Motorräder wären durch die notwendigen Akkus ungemein schwere Geräte, die schlecht fahren und dadurch kaum Käufer finden würden. Verbrenner mit E-Fuels sind für PS-starke Bikes die bessere Zukunftslösung.

„Starke Motorräder mit Elektroantrieb wären zu schwer“ – KTM-Geschäftsführer Stefan Pierer. Bild: © KTM / RedBull

E-Motorräder und Leidenschaft, das passt in den Augen der Mattighofner Zweiradexperten eben nicht zusammen. Zur Freude der Zweirad-Fangemeinde stehen sie mit dieser Ansicht nicht allein da. Auch die Ducatisti dürfen jubeln. Die Marke aus Bologna ist natürlich nicht irgendein Zweiradhersteller. Immer wieder entstehen hier Motorräder zum Niederknien, selbst staubtrockene englische Motorradjournalisten titelten in der Vergangenheit „Sexiest Bike Alive“, als sie das Modell 1098, die damalige Speerspitze im Ducati-Programm, erstmals fahren durften.

Ducati denkt wie Porsche: technologieoffen

Nun gehört Ducati seit 2012 zum Audi-Konzern und damit zur Volkswagen Group, die bekanntlich konsequent auf die Elektromobilität setzt. Es klang daher nur logisch, dass Ducati-Chef Claudio Domenicali 2019 die Entwicklung eines serienmäßigen Elektromotorrads bestätigte. Mit der Mailänder Polytechnischen Hochschule für Gestaltung war ja bereits die Ducati Zero entstanden, ein ansehnliches Konzeptfahrzeug. Dennoch klang die Ankündigung damals befremdlich. Nicht zuletzt, weil eines der wichtigsten Differenzierungsmerkmale des italienischen Herstellers der Motorsound ist.

Bei den Sportmodellen natürlich zusätzlich die rasselnde Trockenkupplung. Auch die wäre beim E-Motorrad Geschichte. Aber dieses Befremden hat seit wenigen Wochen ein Ende. Denn Ducatis Vertriebsschef Francesco Milicia hat einem E-Modell seiner Marke vorerst den Strom abgestellt. Der Motorradzeitung Motorcyclenews sagte Milicia: „Werden wir bald eine elektrische Ducati produzieren? Nein. Wir denken, dass ein Elektromotorrad für die Art von Maschine, die wir jetzt produzieren, nicht den Fahrspaß, die Reichweite, das Gewicht usw. garantieren kann, die Ducati-Fahrer erwarten. Wir sehen uns auch andere Lösungen für null oder minimale Emissionen genau an, wie zum Beispiel synthetischen Kraftstoff. Andere Marken in unserer Gruppe, wie Porsche, befassen sich damit, und das ist etwas, das wir mittelfristig in Betracht ziehen“, so Milicia weiter.

Bereits 2022 kommt eine E-Fuels-Pilotanlage nach Tirol

Ducati hat mit Porsche tatsächlich eine Schwestermarke im Konzern, die einen sehr technologieoffenen Ansatz fährt und erkannt hat, dass nicht der Motor, sondern der Kraftstoff für die Emissionen verantwortlich ist. Zwischen Stuttgart und Bologna liegen 720 Kilometer, die schafft eine aktuelle Ducati Multistrada locker mit zwei kurzen Tankstopps. Elektrisch würde eine Mehrtagestour daraus.

Und KTM, woher bekommen die ihr E-Fuel? Auch dafür scheint sich eine Lösung abzuzeichnen, denn in Tirol will die IWO Austria ab 2022 zunächst in einer Pilotanlage mehrere 100.000 Liter strombasierte Kraftstoffe herstellen. Noch ist nicht bekannt, wo genau in Tirol die Anlage entstehen soll, aber von Mattighofen wird sie per KTM Adventure locker mit einer Tankfüllung erreichbar sein. Selbst wenn sich der Biker noch einen kleinen Abstecher über ein oder zwei Pässe gönnt – allein um der Symphonie des V2 zu lauschen.

Sound gehört zum Feeling

Duraid El Obeid ist der Vorstandsvorsitzende des Bundesverbands Freier Tankstellen (bft) und Motorradfahrer mit Herz und Seele. Auf einem E-Motorrad werden wir ihn sicher nicht so bald sehen, Feeling und Emotionen kommen ihm hier viel zu kurz.

Duraid El Obeid, Vorstandsvorsitzende des bft und begeisterter Motorradfahrer

eFUEL-TODAY: Herr El Obeid, wenn Sie an das Motorrad der Zukunft denken, können Sie sich dann eins ohne typischen Motorsound vorstellen?

Duraid El Obeid: Bei einem Motorroller vielleicht, aber bei einem Motorrad gehört für mich der Sound einfach zum Feeling dazu. Für mich ist Motorrad fahren ein Hobby, das mit viel Emotionalität verbunden ist. Gerade wenn man auf mehrtägigen Touren durch schöne Landschaften unterwegs ist, dann gehört die Beschleunigung und das Fahrgeräusch eines klassischen Verbrennungsmotors einfach zum Fahrvergnügen dazu.

Aber spräche die Vernunft nicht für den Elektromotor?

Beim Motorradfahren spielen Emotionen eine viel größere Rolle als beim Pkw. Dazu trägt natürlich vor allem der Motor über den Sound und über die Übertragung der Vibration beim Fahren auf den ganzen Körper bei.

Viele Biker nutzen ihr Motorrad für ausgedehnte Urlaubstouren. Wäre es für Sie denkbar, in voller Ledermontur 45 Minuten zu warten, bis eine Ladesäule Ihren Motorradakku wieder befüllt hat?

Das ist für mich absolut ausgeschlossen. Motorrad fahren ist fest mit einem Gefühl von uneingeschränkter Mobilität verbunden. Bei einer Motorradtour dann in regelmäßigen Abständen in voller Montur und unter Umständen sogar noch in der prallen Sonne eine halbe Stunde an einer Ladesäule zu stehen, passt überhaupt nicht dazu. Da würde das ganze Reiseerlebnis und die Freude am Unterwegssein verloren gehen. Hinzu kommt, dass man gerade bei Touren in ländlichen Gebieten vielleicht sogar noch nach einer Ladesäule suchen müsste. Das hat dann auch nichts mehr mit uneingeschränkter Mobilität zu tun.

Porsche stellt künftig E-Fuels her, um die Bestandskunden mit ihren klassischen Fahrzeugen klimaneutral mobil zu halten. Ducati ist eine Schwestermarke von Porsche im VW-Konzern. Könnten Sie sich vorstellen, dass Ducati bei E-Fuels künftig einen ähnlichen Weg wie Porsche einschlägt?

Ich würde es mir wünschen, dass Ducati diesen Schritt geht. Aktuell fahre ich eine BMW 1200 GS Adventure. Wenn Ducati auf E-Fuels umstellt, dann würde ich ernsthaft darüber nachdenken, zu dieser Alternative zu wechseln.

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