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HVO100 ist im Wandel: Weg von der „Diesel-Alternative“ hin zum pragmatischen Dekarbonisierungs-Tool für den Bestand. HVO-Kraftstoff spielt vor allem dort eine Rolle, wo Elektrifizierung kurzfristig an Grenzen stößt: in der Logistik, im Bau, in der Landwirtschaft und überall, wo hohe Lasten, lange Laufzeiten und vorhandene Diesel-Infrastruktur dominieren. Die zunehmende Verfügbarkeit im Markt macht sich dabei aber nicht nur durch eine steigende Anzahl an öffentlich zugänglichen Tankpunkten mit HVO100 bemerkbar. Auch Produkte für den industriellen Einsatz kommen zunehmend in der Praxis an, wie unser Beitrag über das Shell Renewable Heating Oil zeigt. Die Vorteile liegen auf der Hand: Drop-in-Fähigkeit, sofortige Nutzbarkeit sowie Verfügbarkeit und – je nach Lieferkette und Rohstoff – deutliche CO₂e-Minderung im Vergleich zur fossilen Referenz zwischen 80 und 90%.*

Gleichzeitig wächst der Bedarf an validen Antworten: Wie gleichbleibend ist die Qualität? Was sagt die Regulierung? Wo liegen die operativen Hürden und wie löst man sie? Genau diese Fragen waren Kernthema des 1. Shell Renewable Diesel/HVO Tages am 11.02.2026 im Shell Technology Centre Hamburg (STCHa). eFUEL-TODAY war vor Ort, um sich ein Bild über den Umgang mit regulatorischen Herausforderungen, technischen Details und dem Einsatz von HVO100 in der Praxis zu machen, mit dem Shell das Thema HVO im Markt gezielt positioniert. Das STC in Hamburg ist dabei mehr als nur Kulisse: Es ist ein etabliertes Technologiezentrum im globalen Shell-Verbund mit Motoren- und Fahrzeugtests auf High-End Prüfständen, Laboren und Entwicklungsarbeit rund um moderne Kraftstoffe wie HVO100 oder GTL.

HVO in der Praxis: „Real-World“ statt Theorie

Der erste Programmpunkt war die Praxis-Einordnung direkt am Anfang des Tages: HVO wird nicht als abstrakte Zukunftslösung behandelt, sondern als Kraftstoff, der in bestehenden Flotten schon heute funktioniert – unter realen Betriebsbedingungen, mit klaren Messgrößen und nachvollziehbaren Aussagen. Die Veranstaltung hat genau diesen Ton getroffen: Was bringt HVO im Alltag? Wo liegen Grenzen? Was muss man beachten, wenn man auf HVO umstellt?

Hier zahlt sich Shells Ansatz aus, HVO nicht nur über die potenziellen Einsparmöglichkeiten an CO2 zu erklären, sondern über betrieblich relevante Parameter. Der Kraftstoff Shell Renewable Diesel / HVO100 wird als paraffinischer Dieselkraftstoff nach DIN EN 15940 eingeordnet und bietet technisch hervorragende Eigenschaften wie eine Cetanzahl > 70, potenziell ruhigeren Motorlauf, gute Kaltstarteigenschaften bzw. Kältestabilität und geringere Rußbildung – Faktoren, die gerade im – für norddeutsche Verhältnisse – außergewöhnlich langen Winter zusätzlich angenehm auffallen.

HVO im Kontext der Regulierung: RED III als Beschleuniger mit mehr Pflichten

Der Block zu Nachhaltigkeit, Regulatorik & RED III war die zweite Säule, weil er zeigt, warum der Markt gerade konkret Tempo aufnimmt: Der politische Rahmen erhöht den Druck zur Emissionsminderung und macht erneuerbare Moleküle in mehreren Sektoren attraktiver. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an Nachweisführung, Auditierbarkeit und Rückverfolgbarkeit. Für Unternehmen bedeutet das: Wer HVO sinnvoll einsetzen will, braucht nicht nur den Kraftstoff, sondern auch saubere Dokumentation und ein klares Verständnis, was wie anrechenbar ist.

Shell adressiert das sehr konkret über strukturierte Nachhaltigkeitsinformationen, die Händlern und Kunden über die hauseigene Fuel Contract Management Platform bereitgestellt werden (z. B. Mengen, CO₂e-Intensität, Gesamt-Emissionen, Einsparung – mit klarer Abgrenzung, wofür das Reporting gedacht ist und wofür nicht). Der Regulatorik-Bestandteil des Tages lieferte eine praxisnahe Übersetzung dessen, was RED-Vorgaben und Marktmechaniken für Betreiber tatsächlich bedeuten. Die Erkenntnis, dass glaubwürdige Lieferketten in Zukunft essentieller Wettbewerbsfaktor sein dürften, gab’s kostenlos obendrauf.

HVO im Labor bei Shell: Qualität als harte Währung

Im dritten Teil des Tages gab es einen interessanten Einblick in die Labor-Umgebung von Shell, die der Öffentlichkeit sonst verschlossen ist. Während der Einstieg mit einer kleinen Demonstration zur Flammfärbung und Rußbildung bei HVO100 im Vergleich zum fossilen B7 in der klassischen „Öllampe“ zeigt, wie viel sauberer der Kraftstoff verbrennt, standen insgesamt auch die Unterschiede zwischen den HVO-Qualitäten auf dem Markt im Fokus. Denn HVO ist nicht gleich HVO, wenn man über Spezifikationen, saisonale Eigenschaften, Lagerqualität und Lieferketten spricht.

Genau hier setzt Shell sichtbar an: mit einer eigenen Qualitätssicherung entlang der gesamten Supply Chain und dem Anspruch, teils strenger zu prüfen als Normen es verlangen. Besonders greifbar wurde das beim Thema Wintertauglichkeit, die sich bei HVO100 insbesondere durch hervorragende Kältestabilität zeigt: Für 2026 kommuniziert Shell operativ die Einlagerung von ganzjähriger Winterqualität, ohne daraus ein pauschales Dauerversprechen zu machen. Den Abschluss der Labor-Führung bildete ein Besuch auf dem Motorenprüfstand, was uns zum letzten Punkt führt. Denn regulatorische Rahmenbedingungen und technische Hürden werden hier konkret geprüft, bevor Shells Kraftstoffe wie der Renewable Diesel die Straße erblicken.

Flämmfärbung bei HVO

Ein Vergleich der Flammfärbung und Rußbildung zwischen HVO100 und fossilem B7-Diesel zeigt bereits, dass der Kraftstoff deutlich sauberer verbrennt

Operative Hürden und „HVO auf dem Prüfstand“

Der letzte Agenda-Punkt des Tages stellt – im wahrsten Sinne des Wortes – nicht nur „HVO auf den Prüfstand“ – sondern lenkte abschließend einen Blick auf die diversen Stolpersteine bei der Umstellung und Nutzung von HVO100: Zwar ist die technische Umstellung oft einfach (Stichwort „Drop-In“), aber nicht automatisch immer trivial. Shell hat typische Praxisthemen klar angesprochen und mit vielen Teilnehmern eine interessante Diskussion über wesentliche Erfolgsfaktoren geführt:

  • Erstumstellung / Tankmanagement: Empfehlung zur möglichst sauberen Umstellung (leerfahren, ggf. Tank reinigen), um Risiken durch Altbestand/Verunreinigungen zu minimieren.
  • Wassergefährdungsklassen (WGK): Betreiber müssen ggf. eine Selbsteinstufung vornehmen – sonst droht eine ungünstige Vorsorgeeinstufung.
  • Flammüberwachung / Sensorik: In bestimmten Anlagen kann die transparentere Flamme von HVO dazu führen, dass optische Sensoren keine Flamme registrieren – hier sind ungewollte Abschaltungen möglich und ggf. auch technische Anpassung notwendig.
  • Norm- und Freigabethemen: Kennzeichnung (XTL), OEM-Freigaben, klare Dokumentation und Prozesse rund um Mengen-Umwertung/Eichung.

Der hauseigene Rollenprüfstand ermöglicht intensive Langzeit-Tests unterschiedlicher Kraftstoffe unter verschiedenen Bedingungen und wird in regelmäßigen Abständen auch für den Shell Renewable Diesel durchgeführt

Shells Konzept: Ein System aus Technologie, Skalierung und Standards

Was am Ende hängen bleibt: Shell positioniert sich beim Thema HVO nicht nur als Lieferant, sondern als Technologie- und Umsetzungspartner zwischen Produktqualität, Regulierung und Praxisbetrieb. Das passt auch zur strategischen Rolle des STCHa  als Ort, an dem neue und moderne Kraftstoffe nicht nur potenziellen Kunden „verkauft“, sondern entwickelt, getestet und abgesichert werden.

Unser Fazit: Der Besuch in Hamburg war ein starkes Signal in Richtung Markt: Während der Bundesverband freier Tankstellen mit seinen Mitgliedern schon im Jahr 2024 erste HVO-Produkte aktiv in den Markt gebracht hat, ist HVO nun auch in der Breite angekommen und steht bei den großen Konzernen wie Shell oben auf der Agenda. Die Diskussion verschiebt sich weg von der Frage „Können wir HVO anbieten?“ hin zu der Frage „Wie schnell und sauber können wir HVO anbieten?“.  Shell hat gezeigt, dass der Hochlauf erneuerbarer, drop-in-fähiger Kraftstoffe dann nachhaltig funktioniert, wenn Qualität, Nachweisbarkeit und Praxis zusammen gedacht werden.


Quellen: Shell.de / Shell Renewable Diesel / HVO Tag am 11.02.26

Bilder: © eFUEL-TODAY

(*): Reduzierung der Treibhausgasemissionen von 80-90% über den Produktlebenszyklus im Vergleich mit dem Referenzwert für die Treibhausgasintensität von 94g CO2e/MJ für fossile Kraftstoffe gem. der EU-Erneuerbare-Energien-Richtlinie II (2018/2001/EU, Anhang 5) („REDII“). CO₂e (CO₂-Äquivalent) bezieht sich auf Kohlendioxid (CO₂), Methan (CH₄) und Distickstoffmonoxid (N₂O). Weitere Informationen unter shell.de/srd

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